Vladas Braziūnas (geb. 1952 in Pasvalys) dichtet, schreibt Essays und übersetzt. Nach dem Abschluss der Mittelschule in Pasvalys studierte er Journalistik und Litauische Philologie an der Universität Vilnius. Später arbeitete er an der selben Universität, in Redaktionen von Kultur- und Literaturzeitungen und -zeitschriften. Die längste Zeit verbrachte er in der Redaktion der Wochenschrift Literatūra ir menas, auch als Chefredakteur. Mitglied des Litauischen Schriftstellerverbandes, des Litauischen PEN-Zentrums und des litauischen Verbandes von Literaturübersetzern. Sein literarisches Debüt gab Braziūnas 1983 mit der Gedichtsammlung Slenka žaibas (Der schleichende Blitz), für den er 1984 mit dem Zigmas–Gėlė–Preis ausgezeichnet wurde. 1986 – 2002 erschienen folgende Gedichtesammlungen: 1986 Voro stulpas (Der Spinnenmast);1988 Suopiai gręžia dangų (Bussarde schrauben sich in den Himmel); 1989 Užkalbėti juodą sraują (Die Beschwörung des schwarzen Stroms); 1992 Išeinančios pušys (Weggehende Kiefern); 1993 Alkanoji linksniuotė (Die hungrige Deklination);1999 Ant balto dugno (Auf weißem Grund); 2002 lėmeilėmeilėmeilė (Beliebeliebeliebe); 2003 Būtasis nebaigtinis (Imperfekt). Für das 1998 veröffentlichte Buch Užkalinėti (Zunageln) wurde Vladas Braziūnas mit dem Salomėja-Nėris-Preis ausgezeichnet. Das Manuskript des Poems Karilionas tūkstančiui ir vienai aušrai (Ein Carillon für tausendundeine Morgenröte) (2002) gewann den Literaturwettbewerb zum Thema "1000 Jahre Litauen", der zur 750-Jahr-Feier Litauens ausgerichtet wurde. Das Poem wurde 2003 veröffentlicht. 2005 stellte Braziūnas seinen Lyrikband Iš naminio audinio dainos (Lieder aus hausgewebten Stoff) mit einer Begleit-CD vor, die parapoetische und musikalische Improvisationen des Dichters selbst sowie des Komponisten Algirdas Klova enthält. Vladas Braziūnas übersetzte Dichtung aus dem Weißrussischen, Kroatischen, Latgallischen, Lettischen, Polnischen, Französischen, Russischen, Serbischen und Ukrainischen ins Litauische. Seine Werke wurden bisher ins Englische, Kroatische, Lettische, Rumänische, Französische, Russische, Bulgarische, Georgische u.a. Sprachen übersetzt. Seit 1996 widmet er sich ausschließlich dem literarischen Schaffen. Er lebt und arbeitet in Vilnius. Stimme des Autors Durchwachte visionsreiche Nächte, Prophylaxe Irgendwie spüre ich, dass unsere heimlichsten, unaussprechbaren Alpträume unser aller gemeinsamste Sprache ist, die uns allen verständlich ist. Deswegen glaube ich an diktierte Gedichte. Streng genommen, ausschließlich an diktierte Gedichte. Nur diese verdienen ihren Namen. Wenn ich mich schon nicht an das Schreiben an sich erinnern kann, meinen damaligen Werkzeugszustand erkenne ich an der besonderen Struktur dieser Gedichte, an ihrer strengen inneren Form, die Erinnerung blitzschnell wachrufen: es strömt, durchdringt dich, du schaffst es kaum alles zu umfassen, du greifst nach Bedeutungen und Klängen, nach einem Armvoll klingender Bedeutungen, und verteilst sie auf einem riesigen Heuwagen, verschwitzt und aufgeregt, mit vollen Armen – du kannst es, du bist Rhytmus, ernst, du errichtest einen perfekten Kegel, du findest einen vollkommenen Abschluss, zur rechten Zeit, mit dem letzten Halm. Das Feld habe nicht ich bestellt. Nicht mir gehören die Symbole, die Tropen und deren Moralität. Das Schaffen der Vorstellungskraft ist objektiv wie der Regen oder der Schnitter. Individuell ist der Verstand, der anständig erzogene Verstand. Er rafft nicht alles in seine Arme, er unterscheidet methodisch, welches Kraut moralisch und welches unmoralisch ist. Individuell ist die moralische Aufgeblasenheit des Verstandes, welches im Prinzip die größte Sünde am Anfang einer langen Liste von Sünden ist. Auch wer ein hundertprozentiger Adept der Kalokagathia ist, auch wer im Sinne der Frömmelei dem Gedicht die Hände abhackt und die Augen aussticht – es bleibt doch hunderthändig und hundertäugig – mit den abgehackten Händen tastend und mit den blinden Augen sehend – das ausgerissene Auge sieht dich und die abgehackte Hand berührt dich – das ist meine Bergpredigt. Aus dieser Bewegung ohne Handlung, aus der Spannung dieser Bewegung entsteht ein Gedicht. Die Berührung und die Sehkraft. Die Darstellung einer unsichtbaren, wesenhaften Welt machen Visionen und Abfolgen von Bildern aus, was an sich nicht ungewöhnlich ist, wenn man Traumvisionen dazuzählt. Das Gedicht ist eine Darstellung dieser unsichtbaren, stimmlosen Welt im Rhythmus der Schwingungen des Weltalls und deren Übereinstimmung mit dem Rhythmus deiner Seele. Du dienst als Mediator dieser zwei Welten, von dir hängt die Identität ihres Gespräches, die Klarheit ab, von dir und der Erfahrung und dem Zustand deines Geistes. Du musst stets bereit, lebendig und rein sein. Dann kann man meinetwegen auch vom Dekalog reden. Als Prophylaxe deines Geistes, der als Instrument, als Leiter dient. Alles andere ist unwichtig für die Poesie. Dein Seelenheil kümmert sie nicht. Noch weniger dein Beruf, deine Arbeit oder dein Tagesrhythmus. Bibliographie lėmeilėmeilėmeilė (Beliebeliebeliebe) : [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 2002. 142 pp. Slenka žaibas (Der schleichende Blitz): [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 1983 Voro stulpas (Der Spinnenmast): [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 1986 Suopiai gręžia dangų (Bussarde schrauben sich in den Himmel): [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 1988 Užkalbėti juodą sraują (Beschwörung des schwarzen Stroms): [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 1989 Išeinančios pušys (Weggehende Kiefern): [Gedichte]. Vilnius: Vyturys, 1992 Alkanoji linksniuotė (Die hungrige Deklination): [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 1993 Užkalinėti (Zunageln): [Gedichte]. Vilnius: Vaga, 1998 Ant balto dugno (Auf weißem Grund): [Gedichte]. Vilnius: Verlag des litauischen Schriftstellerverbandes, 1999 Karilionas tūkstančiui ir vienai aušrai (Carillion für tausendundeine Morgenröte): [Poem]. Vilnius: Kronta, 2003 Būtasis nebaigtinis / imparfait: [Gedichte]. Vilnius: Petro ofsetas, 2003 Iš naminio audinio dainos (Lieder aus hausgewebten Stoff): [Gedichte mit CD]. Vilnius: Kronta, 2005 Uosio kuosos: [Gedichte für Kinder]. Vilnius: Vaga, 2007
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